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SPIELEN

Traditionelle Tanzmusik - das ist die Diskomusik unserer Vorfahren. Traditionell bedeutet, dass es keinen bekannten Komponisten für die Musik gibt. Sie wurde von Mund zu Mund und Ohr zu Ohr weitergegeben und ist vor allem veränderbar. Die meist kurzen Stücke, werden von verschiedenen Tanzmusikern auf verschiedene Art interpretiert, "zurechtgespielt", improvisiert und ans Instrument angepasst. Dabei geht es immer um die Funktion dieser Melodien - nämlich als Tanzmusik. So ein Stück muss in die Beine gehen und grooven, die Tänzern bewegen.

Manche Tanzmusiker aus früheren Zeiten haben - genau wie heute - ihre Stücke aufgeschrieben. Manchmal haben auch Ethnologen, Interessierte und Sammler die Tänze einer Region gesammelt oder die Tänze eines Musikers notiert. In solchen handschriftlichen Manuskripten, sind diese musikalischen Schätze bis heute überliefert und können von uns wiederbelebt werden. Viele tausend Stücke wunderschöner Musik aus verschiedenen Epochen gibt es da zu finden. (Vivien Zeller)
Danz 24

Tanzstück Mai 2022

Danz 24

Diesmal geht es nach Niederbayern, aber dort klingt es manchmal ganz anders als ihr vielleicht denkt. Die Noten, welche die Bäuerin und Kirchenmusikerin Ana Maria Leyrsederin 1761 in dem damals noch bedeutsamen Pilgerort Wippstetten (damals Wippstötten) aufgeschrieben hat, sind etwas ganz besonderes. Viele Stücke sind nämlich in der lydischen Skale aufgeschrieben. Das klingt beim ersten Hören erst einmal fremd, gibt der Musik aber auch ihren ganz besonderen Reiz. Wahrscheinlich war es „der Versuch orale musikalische Praxis in einer nicht dafür geschaffenen Notation festzuhalten.“ vermutet Simon Wascher, der sich ausführlich mit der Handschrift beschäftigt, sie abgeschrieben und veröffentlicht hat. Ende der 80er-Jahre, kamen beim Abriss eines Hauses ein Stapel Kirchenmusik und zwei Stimmhefte zum Vorschein. Sie gelten als die älteste Handschrift instrumentaler Gebrauchsmusik, die in Niederbayern bislang gefunden wurde.

Das Stück, dass ich euch vorstellen möchte, ist als „Danz 24“ bezeichnet. Die innovative Österreichische Kapelle „Tanzhausgeiger“ hat dieses Stück als „Schleunige“ Tanz für eines ihrer Videos verwendet und ich finde das sehr passend.
https://www.youtube.com/watch?v=YTXnmZxyOu0

Die Tanzhausgeiger haben neben traditioneller österreichischer und ungarischer Musik, auch noch mehr Stücke aus der Leyrsederin Handschrift in ihrem Repertoire und ich hoffe ihr bekommt auch Lust darin zu stöbern, denn was auf der Webseite der Band steht, trifft auch auf diese Handschrift voll und ganz zu. „Im Tanzhaus geht es um das Eintauchen in den pulsierenden Rhythmus, um sich gemeinsam mit der Musik aufzuwirbeln.

Jeder Flecken Erde wird zum Tanzboden, jedes Haus zum Tanzhaus. Musik in alten Handschriften entdeckt und direkt aus den dampfenden Sälen destilliert. Musik mit Spielwut und Risikofreude:" www.tanzhausgeiger.tradmus.org

Mehr Informationen zur Handschrift findet ihr im Quellenverzeichnis auf www.tanzmusikarchiv.de

Eine langsame Lernversion habe ich euch auf www.youtube/tradtanzmusik.com eingespielt.
https://www.youtube.com/watch?v=vtz1ecz1gtw

Seit sieben Jahren findet übrigens einmal im Jahr das „Reisende Archiv“ in Wippstetten/ Koblepoint statt. Auf dem Hof, auf dem Ana Maria Leyrsederin wohl einst die Noten aufgeschrieben hat, treffen sich Musiker und Musikerinnen unter der Leitung von Simon Wascher, Hermann Haertel jun. (Tanzhausgeiger) und Hermann Fritz, um aus der Handschrift zu musizieren und zu tanzen.


Ballett-Quadrille

Tanzstück des Monats April 2022

Ballett-Quadrille

Diesmal gibt es wieder einen Kontra-Tanz für euch, nämlich die "Ballett-Quadrille", im Video getanzt als improvisierter Longway.

Das Stück habe ich in "Schön goden Dag. Bunte Volkstänze, schöne Volkslieder" gefunden. Das Buch mit verschiedenen Tanzmelodien und Tanzbeschreibungen, hat der Tanzforscher Herbert Oetke (auch: "Der deutsche Volkstanz") zusammengestellt und 1951 in Berlin veröffentlicht. Er schreibt, dass die Melodie aus Groß Thondorf/Kreis Uelzen stammt. Der von Oetke überlieferte Tanz ist wie der Name schon sagt eine Quadrille und wird diesen Monat unter der Rubrik Tanz des Monats vorgestellt.

Gespielt wird die Ballett-Quadrille hier von der Klangrausch-Quadrillen-Band, die sich 2013 spontan aus verschiedenen Musiker*innen beim Klangrauschtreffen zusammengetan hat, um einen Kurs zur Improvisation von Quadrillen und Longways musikalisch zu unterstützen. Seitdem ist die Band - in relativ freier Zusammensetzung - die Eröffnungskapelle des Festivals und es ist toll zu sehen, wie die Tänzer gemeinsam improvisieren.

https://www.youtube.com/watch?v=AlilCAgLA-o&list=PL8T34eFsvHmKFB5AzsGWfM3agWSn0UY3s&index=47

Eine langsame Lernversion findet ihr wie immer auf TradTanzMusik - dem Youtube Kanal für Tanzmusik aus alten Handschriften.

https://www.youtube.com/watch?v=EVXQvgFUHs0&list=PL8T34eFsvHmL5ZVqAmTZKUCCVGOy2lRLL&index=13


Nr. 26 aus dem Dantz Büchlein des Johann Friedrich Dreyßer

Tanzstück des Monats März 2022

Nr. 26 aus dem Dantz Büchlein des Johann Friedrich Dreyßer

Das Dantz Büchlein des Johann Friedrich Dreyßer ist datiert für 1720 und meiner Meinung nach eine der besonders schönen Handschriften aus Deutschland. Das Original liegt in der Bayrischen Staatsbibliothek in München und ist eine Reise wert.

Das Besondere an dieser Handschrift ist, dass sie noch einige Stücke in modalen Tonarten enthält und manche Stücke daher eher eigentümliche, schon fast Trance-artige Melodien haben. Besonders deutlich wird dies im Vergleich zur 1914 entstandenen Abschrift der Handschrift, die im Besitz des Östereichischen Volksliedwerkes ist. Dort wurden die wahrscheinlich als "Schreibfehler" angesehenen modalen Stücke vom Abschreiber nach Dur oder Moll "verbessert" und der ganze Zauber ist verloren. Wunderbar, dass es die Originalhandschrift noch gibt, und wir zu diesen tollen Melodien Zugang haben.

Mehr Infos zur Handschrift findet ihr auf http://tanzmusikarchiv.de unter dem Menüpunkt Quellenverzeichnis.

Falls ihr stöbern wollt, geht es hier zum Download der digitalisierten Originalhandschrift http://daten.digitale-sammlungen.de/0010/bsb00108196/images/

Eine meiner Lieblingsmelodien aus dem Tantz Büchlein Dreyßer, ist ein Stück im 3/4 Takt namens "Nr. 26"

Es ist unklar welcher Tanz dazu getanzt wurde, bzw. ob überhaupt dazu getanzt wurde. Es hängt also ganz und gar von euch ab, wie ihr diese Melodie spielt und welchen Charakter ihr dem Stück gebt, als Walzer, Poloness, Bourrée, zum Zuhören ... ganz wie ihr wollt.

Hier hört hier meine derzeitige Lieblingsversion des Stückes, gespielt vom Harfen-Duos Zirla.

Zwei Musikerinnen, vier Hände, 70 Saiten ... Daniela Heiderich und Merit Zloch, beide seit Jahren international mit ihren Böhmischen Hakenharfen solo und in verschiedenen Bands unterwegs, haben sich zusammengetan, um ihr Publikum mit doppelter Harfenkraft zu verzaubern.

Ihre Musik speist sich aus zwei Quellen: Alte Tanzmusik (meistens aus deutschen Quellen) und Lieder als Basis für eigene Arrangements, die Einflüsse aus Latin, Jazz, Rock, Pop und Weltmusik aufnehmen, und assoziative Eigenkompositionen, die das inneren Auge des Zuhörers ansprechen. Viel Freude mit Nr. 26 von Zirla: https://www.youtube.com/watch?v=_1npD5oHD74



Zur Inspiration, möchte euch außerdem noch eine Bearbeitung für 3 Melodie-Stimmen desselben Stückes vorstellen:
https://www.youtube.com/watch?v=zbX-zVnHTCc&list=PLqS6TG-NlNXoPLF2d2AfU_e4t-kmU-9qf&index=6

Eine dritte Interpretation und langsame Lernversion findet ihr wie immer auf TradTanzMusik - dem Youtube Kanal für Tanzmusik aus alten Handschriften:
https://www.youtube.com/watch?v=8drj0RwT0Og&list=PL8T34eFsvHmK0RHVg4rRQrFjbDCj-p3Nz&index=3&t=158s


Klapperman

Tanzstück des Monats Februar:

Klapperman

Heute stelle ich euch die schöne Melodie "Klapperman" aus der Dahlhoff-Sammlung vor.
Die Küster- und Lehrerfamilie Dahlhoff (selbst Geiger), gebürtig in Kirch-Dinker in Westfalen, haben von 1767 bis 1799 diese 11-bändige Sammlung von ca. 1300 ein- bis dreistimmigen Stücken aufgeschrieben. Damit ist sie die größte bis dato in Deutschland gefundene Tanzmusik-Sammlung! Simon Wascher entdeckte die Handschrift 2007 in der Staatsbibliothek in Berlin. Durch einen Spendenaufruf und eine Gruppe interessierter Musiker*innen konnte sie 2012 digitalisiert werden. Infos zur Originalhandschrift und noch viele mehr findet ihr auf www.tanzmusikarchiv.de und außerdem auf https://richmud.de/handschriften/tanzsammlung-dahlhoff.html. Hier findet ihr auch eine komplette Abschrift der Sammlung.

„Klapperman" ist eine der Melodien, die in Europa gewandert sind und in verschiedenen europäischen Handschriften auftauchen (kein Wunder bei der schönen Melodie). So ist das Stück z.B. notengleich auch als Nr. 38 'La Lavandiere' in der Handschrift Fransiscus De Prins (Leuven, 1781) zu finden. Wo die Melodie zuerst entstanden ist, ist nicht nachvollziehbar, und das macht auch nichts.

Die Band WÖR hat sich auf traditionelle Musik des 18. Jahrhunderts aus Flandern spezialisiert und hat eine tolle Version dieser Melodie aufgenommen. In ihrem Repertoire finden sich übrigens noch mehr Überschneidungen zu Melodien in deutschen Handschriften.
https://www.youtube.com/watch?v=nP7xUU5em1E&list=PL8T34eFsvHmKFB5AzsGWfM3agWSn0UY3s&index=37

Ein langsames Lernvideo zum Stück findet ihr auf dem Youtube-Kanal TradTanzMusik, gespielt von Tom Daun. (Er spielt hier allerdings, anders als in den Noten, die ersten zwei Töne im A-Teil punktiert.)
https://www.youtube.com/watch?v=AQkr6qEK44U&list=PL8T34eFsvHmJzU9zJfW5TOXb_jLNFH8Oh&index=12

… und was tanzt man dazu?
Die Melodie taucht als "Contre Danze" in der Sammlung des Joannes de Gruytters (Antwerpen 1746) auf. Die genaue Choreografie dieses Contre Danze (Kontra-Tanz) ist bis jetzt leider nicht bekannt. Der Tanz des Monats Februar stellt euch daher eine neu entwickelte Choreografie als mögliche Tanzform vor.

Die Melodie und Rhythmusstruktur dieser Melodie lässt aber auch einfach einen Schottisch zu. Je nachdem für welchen Tanz ihr euch entscheidet, ist es wie immer wichtig, die Spielweise entsprechend anzupassen.


Poloness 44 nach Fuellgraf

Tanzstück des Monats Januar:

Die Polonaise

Der Januar-Tune ist eine Polonaise aus der Handschrift des Stadtmusikanten Heinrich Friedrich Füllgraf. Er war von 1816-1869 Stadtmusikant in Bergedorf bei Hamburg und hat auch seinen Sohn auf der Geige unterrichtet. In der Notensammlung sind 176 Stücke für Violine zu finden. Das Manuskript wurde 1906 vom Enkel des Musikers dem Bergedorfer Bürgerverein gestiftet, wo Hinrich Langeloh es 2017 wiederentdeckt hat. Die Originalhandschrift und noch viele mehr findet ihr auf www.tanzmusikarchiv.de

Polonaisen sind Melodien im langsamen 3/4 Takt mit vielen Tonleitersequenzen und verschieden langen Phrasen und Teilen. Sie können als Aufzugspolonaise (grand march) oder als Wickler - Paartanz getanzt werden. Dabei improvisieren die Tänzer verschiedene Wickelfiguren während sie gleichmäßig zur Musik laufen. Ein gleichmäßiger Beat ist beim Spielen also notwendig.
Polonaisen oder Poloness werden in Schweden seit langem als Tanzmusik für Slängpolska verwendet und es finden sich viele Stück-Überschneidungen in schwedischen und norddeutschen Tanzmusikmanuskripten. Es herrschte also reger Austausch.

Und hier kommt eurer Tanztune des Monats Januar, wunderschön gespielt von Akleja.
Björn Kaidl - Zither, Nykelharpa, Gitarre und Regina Kunkel - Nykelharpa


Sie spielen seit 2014 zusammen und sind besonders von der schwedischen Musiktradition und der deutschen Folk- & Tanzmusik geprägt, die in alten Notenbüchern in Bibliotheken schlummert und zu neuem Leben erweckt werden möchte:
https://www.youtube.com/watch?v=8DAiKGJSAvk

Ein langsames Lernvideo zum Stück findet ihr auf dem Youtube-Kanal TradTanzMusik:
https://www.youtube.com/watch?v=nN3sbbv2ieI