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TANZEN

Hinrich Langeloh vom Bundesverband für Deutsche Tänze (bvfdt.de) präsentiert jeden Monat einen neuen oder auch traditionellen deutschen Tanz. Das Ziel dieser Präsentation ist es, unbekannte traditionelle deutsche Tänze bekannter zu machen und vor allem auch neue deutsche Tänze vorzustellen, die in den letzten Jahren in der Osdorfer Werkstatt für neue deutsche Tänze entwickelt wurden.

Im Maien die Vögelein singen:

Im Maien die Vögelein singen
Dieses schöne und schwungvolle Lied wurde um 1820 von Hoffmann von Fallersleben in der Gegend von Bonn am Rhein aufgezeichnet und erschien u.a. gedruckt bei Erk/Böhme im „Deutschen Liederhort“ (Band II, S.729). Ähnliche Texte gibt es auch schon seit dem 16. Jh. Die Melodie klingt ein wenig wie eine französische Bourree und vielleicht ist sie von Frankreich mit den Truppen Napoleons zu uns gelangt, auch wenn Ludwig Erk meint, die Melodie wäre wegen der Moll-Tonart „uralt“. Aufgrund der Bourree-Ähnlichkeit der Melodie habe ich eine Tanzform daraus gemacht, die der zentralfranzösischen Bourree „La Chapelotte“ ähnelt und als Symbol für den Maien gibt es in jeder Tanzformation einen grünen Zweig (Birke o.ä.), der immer weitergereicht wird. Wenn es in alten Lieder heißt: „Ich geh den Mai zu hauen“, dann bedeutet das die schöne Tradition eine junge Birke oder Ähnliches abzuschlagen und seiner Liebsten als Liebesbeweis vor die Tür zu stellen. So heißt es auch hier im Text: „… die Lauberen aus Grünheide springen. Sie tanzen, sie springen vor Herzliebchens Tür …“ Damit könnte dieser Tanz sicherlich die schöne Tradition der Maitänze fortsetzen, die leider schon im Laufe des 19. Jh. verloren gegangen ist, weil es wohl in erster Linie Reigentänze waren („Éren den meien, singen und reien“ heißt es schon 1648), die im 19. Jahrhundert generell immer seltener getanzt wurden. Reste davon finden wir heute lediglich noch in den Kindertänzen, bzw. vom Maientanz ist nur der Tanz in den Mai am 30. April übrig geblieben. Die Musik zu diesem neuen Tanz „Im Maien“ ist sehr passend eingespielt von der Ensemble-Band der Osdorfer Tanzwerkstatt im Jahre 2015 unter der Leitung von Reinhard Spielvogel.

Viel Spaß mit dem Tanz des Monats Mai wünscht Hinrich Langeloh



Anbei die Tanzbeschreibung als PDF, die Noten und eine MP3-Datei des Stücks.


Tanz des Monats April 2022:

Ballett-Quadrille

Der Tanz des Monats ist eine Quadrille, wenn auch eine eher besondere, die Ballett-Quadrille. Ich habe sie ausgewählt, weil Vivien eine von zwei überlieferten Melodien dazu in diesem Monat als Tune des Monats ausgesucht hat. Sie hat auch eine schön eingespielte Tanzmusik zu dieser Quadrille, die man gerne für die hier notierte Tanzbeschreibung nehmen kann. Die Noten dazu sind auch in der Abteilung Tune des Monats zu finden.

Ballett-Quadrille
Quadrillen sind Vierpaartänze, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts sehr populär sind in Europa und Amerika. Die bekannteste Aufstellung sind vier Paare im Kreuz, bzw. auf den Seiten eines Quadrates, aber es gibt auch relativ selten Quadrillen in zwei Reihen gegenüber. Die Reihenaufstellung in Gassen kam als erstes aus England hinüber auf den Kontinent im 18. Jahrhundert und wurde Contredance Anglaise (englischer Kontratanz) genannt. Die Quadrille in Kreuzaufstellung entwickelte sich etwas später in Frankreich und gelangte mit Napoleon in zahlreiche Regionen Europas unter dem Namen Contradance Francaise (französischer Kontratanz).

Heute sind Quadrillen im Volkstanz noch besonders populär im Norden Deutschlands, während in Bayern und Baden-Württemberg diese kaum anzutreffen sind. Somit ist auch die hiermit vorgestellte Quadrille eine aus dem Norden Deutschlands, aus der Lüneburger Heide. Dort hat ein Tanzmusiker mit Namen Voß die Beschreibung mit zwei Melodien überliefert. Eine davon ist als Tanzmelodie des Monats von Vivien ausgesucht worden und die zweite Melodie hat 1918 die Volkstanzsammlerin Anna Helms für die Ballett-Quadrille in ihrem Buch „Bunte Tänzen Nr. 2“ beschrieben. Schon vor 1908 begann sie mit ihrem späteren Mann Julius Blasche Erkundungstouren per Bahn oder Fahrrad durch die Lüneburger Heide zu machen, um deutsche Volkstänze zu sammeln und so entdeckte sie auch die Ballett-Quadrille:

„… aber da saß ein freundlicher älterer Spielmann und blies die Klarinette. … In seinem Haus war seine Frau unsere Tanzmeisterin, ihre erwachsenen Kinder und Nachbarn halfen. Sie alle tanzten mit in der kleinen gemütlichen Stube zu den lustigen Weisen, die der Vater auf der Klarinette spielte. Die Burmesters zählten etwa 60 Jahre … Noten brauchten sie nicht. So saß ich nur immer und zeichnete die Weisen nach seiner Klarinette auf. … Wir fanden dort folgende Tänze: Drehdam, Leier-Tanz, Ballett-Quadrille, Hand-Quadrille …“

Klarinettist aus der Heide
Derartigen eher zufälligen Begegnungen verdanken wir die Aufzeichnungen unserer traditionellen Tänze und natürlich dem Forschergeist und Enthusiasmus von Menschen wie Anna Helms und Julius Blasche zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Es war gerade noch rechtzeitig, um zumindest einige der traditionellen Tänze noch von den alten Gewährsleuten geschildert zu bekommen. Bei der Aufzeichnung der Tänze ergibt sich ein kleines Problem bei den Tempi der Tänze, die die Gewährsleute in jungen Jahren wahrscheinlich schneller getanzt und gespielt hätten. Somit weiß man nicht genau, ob das relativ langsame und behäbige der norddeutschen Tänze etwas mit der norddeutschen Mentalität zu tun hat oder aber mit dem Alter der Übermittler.

Der Name „Ballett-Quadrille“ entstand wahrscheinlich durch das Tanzelement des Paarsolos, einer Art Pas de deux wie im Ballett, das jedes Paar bei jedem Durchgang durch die Gasse tanzt. Diese Quadrille ist mit ihrer Reihenaufstellung eine der seltenen Exemplare dieser Aufstellungsart und von daher schon interessant. Eine Musik von den Helms-Noten gibt es leider noch nicht und auch kein Video, aber man kann gerne die zweite überlieferte Melodie zur Ballett-Quadrille von der Klangrausch-Quadrillen-Band nehmen, um dazu zu tanzen. Die Ballett-Quadrille gehört zu den sog. Bunten Tänzen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie verschiedene Touren haben. Das sind Tanzfiguren, die wechseln, und meistens im 1. Teil des Tanzes zu tanzen sind, während der Rest des Tanzes wie eine Art Chorus immer gleich bleibt.

Viel Spaß mit dem Tanz des Monats wünscht Hinrich Langeloh



Anbei die Tanzbeschreibung als PDF und die Noten des Stücks.


Tanz des Monats März 2022:

Westharzer Triolett

Der Tanz des Monats im März 2022 ist das Westharzer Triolett, ein Kolonnentanz zu Dritt aus dem Harzer Vorland in Niedersachsen. Speziell in Norddeutschland hat sich eine Form von Dreiertänzen mit Progression, „Triolett“ genannt, bis heute gut erhalten. Zu Beginn wurde diese Tanzform auch gelegentlich noch Terzett genannt, wie z.B. das Bogenterzett oder Circkelterzett aus einem Artländer Tanzbuch um 1800 aus der Gegend von Osnabrück. Um 1800 herum kam plötzlich diese Tanzform in Mode, vielleicht bedingt durch den Einfluss der französischen Tampete. Der Tanz „Tampete“war ein Kolonnentanz im Kreis mit jeweils zwei Paaren gegenüber, die nach einem Durchgang des Tanzes weitergingen zum nächsten Paar, um mit dem Dasselbige zu tanzen. Das französische Wort „tempète“ für Sturm wurde eingedeutscht in Tampete. Vielleicht war es eine Anspielung auf Napoleon und seine Truppen, die wie ein Sturm über Europa hinwegfegten. Die Trioletts dagegen bestehen aus zwei Trios, gewöhnlich ein Mann zwischen zwei Frauen, die sich gegenüberstanden und verschiedene Tanzfiguren miteinander machten, um dann am Ende ebenfalls weiterzugehen zum nächsten Trio.

Westharzer Triolett
Gut überliefert in der Volkstanztradition sind die Trioletts aus der Region des Harzes, wie das Westharzer Triolett oder das Alfelder Triolett. Dieser Formationstanz ist relativ einfach, macht Spaß in großer Runde zu tanzen und wäre von daher sicherlich eine Bereicherung für jeden Balfolk-Abend – als Alternative zum immergleichen Cercle Circassien oder zur Chapelloise. Leider gibt es im Internet noch keine Videos vom Westharzer Triolett, lediglich vom Alfelder Triolett, das ähnlich aber doch in etwas anderer Form getanzt wird. Ich arbeite dran, dass demnächst ein Video vom Westharzer erscheint. Es gibt bisher auch noch kaum gut eingespielte Melodien vom Westharzer Triolett, sodass ich Vivien Zeller angefragt habe, eine etwa 4minütige Tanzmusik zum Westharzer aufzunehmen. Diese sehr gelungene Aufnahme ist hier auf der Website und kann als Tanzbegleitung zum Westharzer genutzt werden. Vielen Dank an Vivien dafür.

Wer sich allgemein für deutsche Triotänze interessiert, dem sei das Tagesseminar des BVfDT am Samstag, 2. Juli 2022 in Hamburg empfohlen. Dort wird es nur um Triotänze aus verschiedenen Regionen Deutschlands gehen. Die genauere Einladung dazu gibt es auf der Website des BVfDT (bfvdt.de).

Anbei die Tanzbeschreibung als PDF und eine MP3-Datei des Stücks (Westharzer Triolett von Vivien Zeller).


Tanz des Monats Februar 2022:

„Klapperman“

Der Tanz des Monats Februar ist – in Absprache mit der Melodie des Monats von Vivien Zeller – der „Klapperman“, ein Tanz aus der Osdorfer Tanzwerkstatt für neue Deutsche Tänze. Die Choreographie ist von mir neu zu dieser alten Melodie aus der Dahlhoff-Sammlung entworfen worden. Diese Sammlung entstand in Dinker (Westfalen) in einer Kirchenmusikfamilie in den Jahren von 1767 bis 1799. In zehn Heften wurden über 1000 Melodien gesammelt, die meisten Menuette und Polonaisen, aber auch andere Tänze, deren Tanzform oder Choreographie nicht mit aufgezeichnet wurden.
Klapperman
Somit ist jede Tanzform zu dieser Melodie lediglich der Versuch einer Rekonstruktion. Ich habe die damals gebräuchlichen Tanzschritte und Tanzformen herangezogen und einen Paartanz-Mixer im Kreis daraus gemacht. Dies bedeutet, dass sich Paare im großen Kreis oder in mehreren Kreisen aufstellen, gewöhnlich stehen die Männer oder als Männer tanzende Frauen links von ihrer Partnerin. Am Ende des ersten Durchgangs jedoch sind die Männer weitergegangen in Tanzrichtung zur übernächsten fremden Partnerin, während die Frauen zugleich in Uhrzeigerrichtung weitergehen und bei dem übernächsten fremden Mann landen. Entscheidend ist der Klatschteil des Tanzes im dritten Teil der Melodie, dem er wohl auch seinen Namen verdankt. Der Klatsch-Rhythmus ist eindeutig vorgegeben durch die Melodie, nur die genaue Ausführung ist natürlich nicht überliefert. Gewöhnlich klatscht man dann mit dem Partner und so habe ich die Variante „3x eigene Oberschenkel“ und „3x Hände des Gegenüber“ gewählt. Es sind auch andere Varianten des dreimaligen Klatschens möglich, aber man sollte sich einig sein über den Klatsch-Rhythmus.

Im Flämischen gibt es die gleiche Melodie mit dem Namen „La Lavandière“, die Waschfrau, die beim Waschen die Wäsche häufig auf Steine schlugen, wahrscheinlich um sie zu glätten. Das gleiche Motiv mit dem Klatschen als Symbol für das Wäschewaschen kommt bei dem Renaissancetanz „Branle des Lavandières“ von Thoinot Arbeau in seinem Buch Orchesographie von 1589 vor. Auch bei dieser Melodie ist der Klatschrhythmus im dritten Teil zu finden, aber man klatscht nur in die eigenen Hände, und das viermal.

Man kann die Melodie natürlich auch frei tanzen als Schottisch, wenn auch die Melodie das nicht gut unterstützt mit den vier langen Noten zu Beginn.

Es gibt viele gute Aufnahmen vom Klappermann im Netz, aber hier ist eine Aufnahme der Compagnie Brumborium, die genau diese Tanzform unterstützt und gema-frei verwendbar ist.

Filmaufnahmen dieser Tanzform gibt es noch nicht, aber wir arbeiten dran.

Im November 2022 gibt es die nächste Osdorfer Tanzwerkstatt, und zwar am 12./13.11.2022 in Hamburg. Wer Lust hat, sich an der Kreation neuer deutscher Tänze zu beteiligen kann die genaueren Informationen auf der Website www.tanzwerkstatt-osdorf.de finden.

Anbei die Tanzbeschreibung als PDF und eine MP3-Datei des Stücks.
Hinrich Langeloh


Tanz des Monats Januar 2022:

„Abend legt vor meinem Haus“ (Tanz: Hinrich Langeloh)

Passend zur dunklen Jahreszeit habe ich einen Tanz ausgesucht mit einer neuen Melodie und einer neuen Tanzbeschreibung. Das Lied wurde geschrieben von Peter Michael Riehm (1947-2007), einem großartigen Komponisten aus der Waldorf-Szene, nach einer Textvorlage von Hans Roelli (1889-1962). Dieses Lied ist erschienen in dem Buch „Hör ich von fern Musik – Volkslieder für unsere Zeit“ und es hört sich mit einem Umfang von einer Oktave genauso an wie ein seit Jahrhunderten bekanntes Volkslied.

Abend legt vor meinem Haus
Es ist sehr schön und eingängig und so habe ich auch einen einfachen, ruhigen Tanz dazu gemacht, damit man/frau es auch nur a cappella singen und tanzen kann – ganz in der Tradition der alten deutschen Singtänze. Wir verwenden es seit Jahren als Abschlusslied in unserer wöchentlichen Tanzgruppe und es kann helfen, nach einem bewegten Tanzabend wieder zur Ruhe zu kommen und entspannt nach Hause zu fahren. Wer nicht selbst singen möchte, bzw. lieber zu Musik tanzt, dem sei die Aufnahme des Ensembles TRIGON (Kathrin Krauß, Kerstin de Witt und Holger Schäfer) empfohlen. Es ist eine sehr schöne Aufnahme von der ersten CD des Ensembles und das Lied gibt es auf Youtube zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=oJ9jdIqS8To

Hier ist der sehr poetische Text des Liedes:

„Abend legt vor meinem Haus
seinen blauen Mantel aus
Gras und Grün verblassen an den stillen, stillen Straßen
Seinen blauen Mantel aus.

Mensch und Schritte wandeln sacht
angesichts der nahen Nacht
Wie ihr mir berichtet, ist der Streit geschlichtet
Angesichts der nahen Nacht.

Sterne gehn im Himmelsdom
wie in einem dunklen Strom.
Bis des Mondes Bogen sie zu sich gezogen
Wie in einem dunklen Strom.

Auch die junge Amselin
mag im Feld nicht weiterziehn.
Birgt sich ins Gefieder und vergisst die Lieder
Mag im Feld nicht weiterziehn. .“



Anbei die Noten und die Tanzbeschreibung als PDF.
Viel Spaß mit diesem Tanz, der natürlich auch je nach Pandemielage ohne Anfassen getanzt werden kann!

Hinrich Langeloh