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Die Singstimme ist das Instrument, das wir alle immer dabeihaben. Hier stellen wir jeden Monat ein neues altes Lied vor, mit Text- und Notenblatt und allerlei Wissenswertem rundherum. Viel Freude beim Stöbern und Nachsingen!

Lied-Empfehlung: Ein Spielmann ist aus Franken kommen | 12.09.22

Das Lied übern den Musikanten, der vorm Himmelstor steht und fürchten muss, in die Hölle zu kommen, gehört zu den eher seltenen Balladen mit Happyend. Entstanden ist das Lied vermutlich in der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Empfohlen wird es von Gabi Martin. In den 70er und 80er Jahren gehörte sie in Ostberlin erst zur Folkband Jack & Genossen , später zu Windbeutel.
(Autor: Wolfgang Leyn)


Jack & Genossen 1979, von links: Bernd Eichler, Gabi Martin, Jack Mitchell (Sammlung Wolfgang Leyn)
In der DDR-Folkszene hat meines Wissens nur Gabi Martin dieses Lied gesungen. Die Rundfunkaufnahme mit Windbeutel wurde 1988 auf der -Langspielplatte „Was wollen wir auf den Abend tun“ veröffentlicht, einem Sampler mit Liedern von acht Bands.

Warum ich das Lied empfehlen würde, damit es nicht verloren ginge? – Weil es sie heute noch gibt: die alten, grantigen Weiber und Mannsleut, die möchten, dass sich alles nach ihren festgelegten und engen Vorstellungen richtet, und alles, was ihnen andersartig erscheint, empört zum Teufel wünschen. Der Spielmann als ein Freigeist, setzt dem, lustig und ungebunden, die pure, kindhafte Lust am Leben entgegen, einfach durch seine Art, die Welt zu durchschreiten. Vermutlich hat der Verfasser des Liedes sich durch seine Verse sehnsuchtsvoll von äußeren Zwängen frei geschrieben – und uns Nachgeborenen einen möglichen Weg gewiesen. Wir, als die Musikanten, sind folglich seine ersten Adressaten.
Gabi Martin





NOTEN UND TEXT



Ein Spielmann ist aus Franken kommen,
den hat der Tod beim Schopf genommen.
Sankt Peter eilt' zur Himmelstür
und schob den Eisenriegel für.
St. Peter fragt die alten Weib':
"Was soll geschehn mit seinem Leib?"
"Es soll, es muss mit ihm geschehen,
er mag zum Ti-Ta-Teufel gehen!“.


Rosen im Tal, Mädel im Saal,
schönste Rosemarei.

Die alten Mannsleut' huben an:
"Er hat uns nie ein Gut's getan.
Er weihte nie ein heilig Licht
und sprach kein Vaterunser nicht!".
Der Spielmann tat ein' langen Schritt:
"Mein' Fiedel, spielt katholisch nit!
Mein' Fiedel sang auf ihre Weis',
den ganzen Tag ihr Kyrieleis."


Rosen im Tal, Mädel im Saal,
schönste Rosemarei.


Die Mädchen sprachen: "Heil'ger Geist!
Er wusste nit, was Lieben heißt.
Er küsste uns und ließ uns stehn
Es durfte keine mit ihm gehn!".
Der Spielmann tat ein Schluchzerlein:
"Die schönste Maid, sie narrte mein!
Ohn' Herzen kann man doch nicht lieben,
meins ist bei ihr, bei ihr geblieben!"


Rosen im Tal, Mädel im Saal,
schönste Rosemarei.


Da kamen tausend Kinderlein:
"Sankt Peter, lass den Spielmann ein!
Er fiedelt' uns manch Rosenband,
der Spielmann ist uns wohlbekannt!".
Da sprach der Herr: "Ihm sei verziehn,
Die Kindlein ha'n Gefall'n an ihm!
Sankt Peter, hurtig aufgetan –
die Kinder woll'n ein Tänzlein ha'n!".


Rosen im Tal, Mädel im Saal,
schönste Rosemarei.




HÖRBEISPIELE

Gruppe Windbeutel Berlin/DDR (1988)
https://youtu.be/qYPWiSeIjzo

Tom Kannmacher (2021)
https://www.youtube.com/watch?v=6xpR6qH0Jjg



LIEDGESCHICHTE

Wer das Lied verfasst hat, ist unbekannt. Über eine Aufführung Anfang 1917 in Danzig berichtete die Zeitschrift „Der Gitarrefreund“. Die Sängerin und Lautenspielerin Liselotte Berner habe dort, von ihrem Ehemann auf der Viola d’amour begleitet, „ein Lied aus Franken“ gesungen, „Der Spielmann vor der Himmelstür“. Das dürfte unser Lied sein.
Dieses Buch (Jena 1922) enthält mit als erstes unser Lied.


Wann entstand das Lied?
Als Herkunftsangabe liest man häufig „Volkslied aus Franken, 18. Jahrhundert“. Das scheint jedoch wenig glaubwürdig. In Franz Wilhelm von Ditfurths Sammlung „Fränkische Volkslieder“ von 1855 mit immerhin 400 weltlichen Liedern steht es jedenfalls nicht. Die Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik versah es 1984 in der Broschüre „Lieder aus Franken“ mit dem Vermerk „Aus Franken, um 1900“. Das kommt von der zeitlichen Einordnung her der Wahrheit wohl näher. Tom Kannmacher, der das Lied selber singt, schrieb dazu: „Mir scheint es nicht ursprünglich traditionell zu sein, eher eine gelungene Wandervogeldichtung“. Das Deutsche Volksliedarchiv, pardon, das Zentrum für „Zentrum für Populäre Kultur und Musik“ in Freiburg, konnte auch nicht mit Informationen dienen.

Wer hat es gesungen?
Zum ersten Mal tauchte der „Spielmann an der Himmelstür“ Anfang der 1920er Jahren in Liederbüchern von Sport- und Wandervereinen auf, in Liedsammlungen der Handwerksgesellen, der Naturfreunde, des Deutschen Sängerbundes oder der katholischen Jugend. Wandervögel verbreiteten es auf hektographierten Liedblättern. Das spräche für die Herkunft aus der Jugendbewegung.

Tom Kannmacher fand es im „Volksliederbuch für höhere Lehranstalten und Mittelschulen von Klasse 4 an aufwärts“, erschienen 1932. Voneinander abweichende Textvarianten zeigen, dass es sich offensichtlich herumgesungen hat. Ende der 1950er Jahre wurde es in der Altmark aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnet. Die Namensform „Marei“ statt „Marie“ im Refrain von frühen Liedfassungen deutet jedoch auf eine Herkunft aus dem oberdeutschen Raum, wie auch "nit" statt "nicht". Das muss aber nicht zwingend Franken sein.

Franken oder vielleicht Wien?
In manchen Quellen heißt das Lied „Der Fahrende vor der Himmelstür“. Unter diesem Titel führte es am 1. Juni 1930 der Gesang- und Musikverein Lilienfeld in Niederösterreich auf. Als Komponist wurde dabei Alfons Blümel genannt. Blümel (1884-1943) war ein renommierter Wiener Pianist und Liedkomponist. Er widmete sich der Kammermusik ebenso wie den Wienerliedern, für die er zuweilen auch Texte schrieb. Seine Vertonungen der Dafnis-Lieder nach Arno Holz machten Blümel 1917 im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Ob er der Autor unseres Liedes ist oder nur die Klavierfassung schrieb, die auch im Wiener Konzerthaus aufgeführt wurde, muss an dieser Stelle offenbleiben.

Aber ob die Ballade nun aus Franken kommt oder aus Wien oder wer weiß woher – sie ist es wert, wieder gesungen zu werden. Das finden Gabi Martin, Tom Kannmacher und der Autor dieser Zeilen.







Lied-Empfehlung: Frisch auf ins weite Feld | 12.08.22

Heute ist ein Wanderlied an der Reihe: „Frisch auf, ins weite Feld“, Titelsong der ersten AMIGA-Folk-LP von 1980. Die Leipziger Band Folkländer hat das Lied aus mehreren Fassungen zusammengepuzzelt, erinnert sich Jürgen B. Wolff. Das Lied ist weit weniger bekannt als „Es, es, es und es“ oder „Auf du junger Wandersmann“, aber nicht weniger schön.
(Autor: Wolfgang Leyn)


AMIGA 8 35 189, LP-Cover von Jürgen B. Wolff (1980)
Es gab eine Zeit, lang ist’s her, da waren Handwerksgesellenlieder – ähnlich wie kritische Soldatenlieder oder Deftig-Zotiges – in den Repertoirelisten der Folkbands West und Ost hyperpräsent. Warum das im Westen so war, weiß ich nicht. Die durften ja überallhin, wo wir nicht hin durften. Womit sich erklärt, warum WIR solche Lieder sangen – nicht nur eines, nein, noch eins und noch eins – die Liedtitel lassen sich just litaneiartig aneinanderhängen: 'Es, es, es und es', 'Es waren drei Gesellen', 'Unser Handwerk ist verdorben', 'Bruder Anton', 'Der Winter ist gekommen', 'Auf, du junger Wandersmann', 'Der Montag, der Montag, der muss gefeiert werden' und kein Ende, höchstens zum Verschnauf eine Karo und ein Tablett 'Pfeffi'.
Jürgen B. Wolff

„Frisch auf ins weite Feld“ mit der eigentlich ganz unverdächtige Textstelle „ein wohlgereister Mann, der in der Welt gewesen ist“ erinnerte an die sehr viel kleinere Welt, die damals für DDR-Bürger zugänglich war. Veröffentlicht hat Folkländer das Lied 1980 in seiner „Kleinen Reihe deutsche Volkslieder“. Im selben Jahr brachte die Plattenfirma AMIGA die erste DDR-Folk-LP heraus. Der Sampler mit Rundfunkaufnahmen von Folkländer, Wacholder, Piatkowski & Rieck, Folkloregruppe der EOS Neuhaus und Gruppe Plus trug den programmatischen Titel „Frisch auf ins weite Feld – Junge Leute machen Volksmusik“.

Der Frage, ob’s heute putzt, solche Lieder nochmal rauszuholen, weiche ich am liebsten aus. Romantik geht mittlerweilen anders, auch wenn manchmal noch ein Gesell in voller Montur an der Raststätte den Daumen hebt.
Jürgen B. Wolff

In diesem Fall teile ich Jürgens Skepsis nicht, sondern empfehle das Lied ausdrücklich weiter. Welt kennenlernen lässt sich ja heute auf verschiedenste Weise, auch mit wenig Geld (und wenig Umweltverschmutzung). Stichwort Austausch-Schuljahr, Stichwort "Work and Travel". Fürs Singen beim Wandern, in der Schutzhütte, auf dem Campingplatz oder am Lagerfeuer an irgendeinem Strand dieser Welt eignet sich des Lied hervorragend, finde ich.



NOTEN UND TEXT



Frisch auf ins weite Feld!
Zu Wasser und zu Lande
Ist mir mein Sinn gestellt,
zu reisen und zu wandern
von einer Stadt zur andern,
solang es mir gefällt.

Ein wohlgereister Mann,
der in der Welt gewesen ist,
der etwas weiß und kann,
von dem ist viel zu halten
bei Jungen und bei Alten,
ich selbst halt' viel davon.

Jetzt ist es an der Zeit,
wenn einer ausgelernet hat,
dann will er hab'n ein Weib.
Ein Weib zu nehmen, ist nicht recht,
er ist kein Meister, ist kein Knecht.
Ein Stümper muss er sein.

Ihr Jungfern insgemein,
freit euch kein' Junggesellen,
die nicht gewandert sein
in ihren jungen Jahren
und haben nichts erfahren,
wie Muttersöhnchen sein.

Ihr Jungfern insgemein,
freit euch nur Junggesellen,
die brav gewandert sein
in ihren jungen Jahren
und haben stets erfahren,
was brave Burschen sein.




KLANGBEISPIEL

Folkländer 1980 („Frisch auf ins weite Feld – Junge Leute machen Volksmusik“, AMIGA)


LIEDGESCHICHTE

Abgedruckt ist das Lied in Erk/Böhmes „Deutschem Liederhort“ von 1894. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde es aber schon 1842 in der Sammlung „Schlesische Volkslieder“, herausgegeben von Heinrich Hoffmann von Fallerleben und seinem Freund Ernst Richter.
Folkländer im Jahr 1980 (Foto: Stefan Gööck)


Fast 140 Jahre später entdeckte die Folkszene, dass zum deutschen Volksliedschatz weit mehr gehört als Heidenröslein und klappernde Mühlen am rauschenden Bach. Zum Beispiel die deftigen, nicht selten rebellischen Lieder der Handwerksgesellen. Diese selbstbewussten, trink- und rauflustigen jungen Männer waren „wohlgereist“, auch weil sie es sein mussten. Denn bevor sie ihre Meisterprüfung ablegen und heiraten durften, hatten sie nach den Vorschriften der Zünfte erst eine mehrjährige Wanderschaft mitsamt Lehrzeit bei verschiedenen Meistern zu absolvieren.

Im 19. Jahrhundert gehörten Handwerksgesellen zu den Mitbegründern der sozialistischen Bewegung in Europa. 1835 schlossen sich deutsche Schneidergesellen in Paris zum Bund der Gerechten zusammen. 1840 verlegte der seine Zentrale nach London. Dort entstand daraus 1847 der Bund der Kommunisten. 1848 standen dann auch viele Handwerksgesellen auf den Barrikaden der bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland.

Heft-Cover von Jürgen B. Wolff (1980)
Zu Folkländers Liedfassung von „Frisch auf ins weite Feld“ schreibt Jürgen Wolff:

In unserer ‚Kleinen Reihe deutsche Volkslieder – Heft 3: Gesellenlieder‘ sind 18 Lieder abgedruckt. Es hätten mehr sein können, aber das Papier war rationiert. Gleich das zweite im Heft ist ‚Frisch auf ins weite Feld‘, von dem es – wie meist – etliche Varianten gab, weshalb wir’s originell fanden, Strophen aus mehreren Quellen zusammenzupuzzeln: den legendären ‚Schlesischen Volksliedern‘ von Hoffmann und Richter, den ‚Deutschen Volks- und Gesellschaftsliedern‘ und den ‚Fränkischen Volksliedern‘ vom umtriebigen Freiherrn von Ditfurth. Überhaupt die großen manischen Liedersammler des 19./20. Jahrhunderts – eine Riege klangvoller Namen, die uns weiland engumschlungen begleitete: Ludwig Erk, Karl Magnus Böhme, Oskar Schade, Gustav Jungbauer, Louis Pinck oder Hans Ostwald, der die Verhandlungsmasse des Gesellen- und Streunerliedes mit „Lieder aus dem Rinnstein“ treffend auf den Punkt brachte.







Lied-Empfehlung: Studentenlob | 06.07.22

Studentenlob

2022 hat das Klangrauschtreffen in Hösseringen zum ersten Mal einen Volkslieder-Neufund-Wettbewerb veranstaltet. Dabei ging es darum, noch unbekannte Lieder zu finden und zu arrangieren. Der Gewinner wurde vom Publikum gewählt. Der erste Preis ging an die Gruppe Lottes Flausen für das Lied "Studentenlob". Sie hat das frisch arrangierte Lied auch noch sehr schön szenisch dargestellt. Die Weimarer Familienband spielt auf vielfältigem Instrumentarium von Flöte und Geige bis Maultrommel klassische und traditionelle Musik aus Deutschland, Schweden und ganz Europa. Wir empfehlen ihr Lied aus dem frühen 17. Jahrhundert hiermit gern zum Nachspielen und -singen weiter.

(von Vivien Zeller und Wolfgang Leyn)

Wir glauben, dass das Lied das Zeug zum bekannten Volkslied hat, weil es eine eingängige Melodie hat, die nach vorne losgeht. Das „Ja, ja, ja…“ kann man sofort mitsingen. Außerdem erzählt es eine Geschichte, ist witzig, und wir hatten Spaß, szenisch damit zu spielen.
(Lottes Flausen)

So begründet die Band ihre Lied-Wahl, und das Festivalpublikum war ganz ihrer Meinung. Es sang freudig mit, lachte, und Lottes Flausen gewannen schließlich den Wettbewerb mit deutlicher Mehrheit. Die Band hat jetzt ein neues Stück im Repertoire und alle Zuhörer einen Ohrwurm. Das Konzept des Wettbewerbs ist also voll aufgegangen. Auch im nächsten Jahr wird das Klangrauschtreffen wieder einen Volkslieder-Neufund-Wettbewerb im Programm haben. Wer dabei sein will, kann sich auf www.klangrauschtreffen.de informieren.



NOTEN UND TEXT

Anmerkung: „leiden“ hat hier nichts mit Schmerz zu tun. Das Wort diente im 16. und 17. Jahrhundert zur Verstärkung von Adjektiven oder Adverbien.



KLANGBESPIELE

„Studentenlob“ mit Lottes Flausen, im Juni 2022 beim Klangrauschtreffen in Hösseringen (Niedersachsen)
https://youtu.be/2ovDH-CQYdQ

Als Lautenstück, gespielt von Rómulo Vega-González in der Universität von Kostarika (2017)
https://www.youtube.com/watch?v=c2d8scwwsCg




LIEDGESCHICHTE

Das „Studentenlob“ stammt aus der Sammlung von Petrus Fabricius (latinisierte Form von Peter Schmidt). 1587 wurde er in Tondern/Tønder (Schleswig) geboren. Ab 1603 studierte er an der Universität Rostock Mathematik und Theologie. Während dieser Zeit sammelte er Lieder aus dem studentischen Umfeld und veröffentliche sie 1605-08 zusammen mit Peter Lauremberg in einem Lieder- und Lautenbuch, das ihn überregional bekannt machte. Es enthält fast 150 Lieder, viele davon ursprünglich niederdeutsche Volkslieder, außerdem Choralmelodien, Redensarten und Rätselsprüche sowie 200 deutsche, polnische, englische, französische und italienische Tänze mit kunstvollen Lautensätzen. Bekannt wurden aus seiner Sammlung u. a. die Lieder „Was woll'n wir auf den Abend tun?“ und „Gut G'sell und du musst wandern“.

Heinrich Hoffmann von Fallersleben veröffentlichte das „Studentenlob“ 1829 in der Breslauer „Monatszeitschrift von und für Schlesien“. Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme nahmen es in den 1893 erschienenen „Deutschen Liederhort“ auf. Quelle für Lottes Flausen war jedoch das Heft „German Renaissance Songs“ mit Lautenliedern, transkribiert von dem ungarischen Lautenisten und Gitarristen Dániel Benkő (1947-2019). Erschienen ist es 1982 bei Editio Musica Budapest.


Lied-Empfehlung: Es ging ein wacker Mädchen | 11.06.22

Es ging ein wacker Mädchen
Im „Deutschen Liederhort“ von 1856 trägt das Lied die Überschrift „Wär ich ein Knab geboren“. Als musikalische Stellungnahme gegen das patriarchalische Frauenbild wurde es in den 1970ern populär im deutsch-deutschen Volkslied-Revival. Gudrun Walther von Deitsch zählt es zu ihren Lieblingsliedern. Kennengelernt hat sie es von Hilde Pierard, einer befreundeten Musiker-Kollegin aus Belgien, die seit längerem in Deutschland lebt. Vom Volksliedarchiv erfuhr sie, dass die ungewöhnliche und schöne Melodie traditionell ist und aus Oberschlesien stammt.
(Autor: Wolfgang Leyn)


Ich hege, wenn ich das Lied singe, große Sympathien für die Protagonistin, die sich im Spannungsfeld zwischen der Romanze mit dem jungen Reiter, der schützenden und mahnenden Mutter sowie dem trunk- und spielsüchtigen Vater befindet. Da kann man gut mitfühlen, die Themen sind heute so relevant wie damals.
Und dann kommt die Zeile „Wär ich als Mann geboren, so zög' ich in die Welt“ – die macht einem dann ganz klar, was Frauen damals alles verwehrt war und wie weit wir bereits gekommen sind, und wie wichtig dieser Prozess ist. Ich verstehe es also auch als ein feministisches Lied – die junge Frau setzt zwar vermutlich ihre Wünsche nicht in die Tat um, aber sie äußert sie und tut somit den ersten Schritt.

Gudrun Walther

Es ging ein wacker Mädchen
wohl alle Tag ins Gras.
|: Es folgt' ein junger Reiter
ihr alle Tage nach. :|

Gudrun Walther und Jürgen Treyz (Deitsch) © Eva Giovannini
Der Reiter breit' sein Mantel
wohl in das grüne Gras.
|: Er bat das junge Mädchen,
dass sie zu ihm saß. :|

"Ach Mutter, liebe Mutter,
gebt Ihr mir einen Rat!
|: Es folgt mir alle Morgen
ein junger Reiter nach." :|

"Ach Tochter, liebe Tochter,
den Rat, den geb ich dir:
|: Lass du den Reiter fahren,
Bleib noch ein Jahr bei mir!" :|

"Ach Mutter, liebe Mutter,
der Rat, der ist nicht gut.
|: Der Reiter ist mir lieber
als all dein Hab und Gut." :|

"Ist dir der Reiter lieber
als all mein Gut und Hab,
|: so pack dir deine Kleider
Und lauf dem Reiter nach!" :|

"Ach Mutter, liebe Mutter,
der Kleider sind's nicht viel.
|: Der Vater hat sie verrauschet
bei Wein und Kartenspiel." :|

Liederheft von Brummtopf und Saitensprung
"Hat sie mein Vater verrauschet
bei Wein und Kartenspiel,
|: so soll sich Gott erbarmen,
dass ich ein Mägdlein bin." :|

"Wär ich als Knab' geboren,
so zög' ich in die Welt,
|: würd' mir ein Handwerk lernen,
verdienen eignes Geld." :|

Es ging ein wacker Mädchen
wohl alle Tag' ins Gras.
|: Es folgt' ein junger Reiter
ihr alle Tage nach. :|




HÖRBEISPIELE

https://www.youtube.com/watch?v=_3ee8WViZ7Q
Elster Silberflug, 1974/76 („Ich fahr dahin“, Hansa)

https://www.youtube.com/watch?v=5-jDP_qSU6Y
Tom Kannmacher und Jürgen Schöntges, 1977 („Wer jetzig Zeiten leben will“, pläne)

https://www.youtube.com/watch?v=zgt5L51V_0Y
Deitsch, 2005 („Königskinder“, Artes Records)

https://www.youtube.com/watch?v=3qscnEvZd70
Karl M. Riedel, Admont/Steiermark (Österreich) mit Drehleier, 2020

https://www.youtube.com/watch?v=N8F6KLPn8RM
Angelika Scheel, Wolfgang Mahrle (live beim AltenHeimSpiel, Malzhaus Plauen, 2021)

Spezial:
https://sead86167ad6280cc.jimcontent.com/download/version/1552325632/module/6715040313/name/Taenze%202014.pdf
Tanzanleitung zum "Wacker Mädchen" von der 6. Osdorfer Tanzwerkstatt für neue deutsche Tänze (2014)



LIEDGESCHICHTE

Heranwachsende junge Mädchen fragen ihre Mütter um Rat – und nehmen ihn dann aber nicht an. Das kommt nicht nur im wahren Leben vor, es ist auch ein beliebtes Volkslied-Motiv. Meist geht es dabei um die Partnerwahl. Soll sie sich für den jungen Mann entscheiden, den Reiter, den Jäger, den Fähnrich, der um sie wirbt?

„Es ging ein wacker Mädchen“ - das Lied mit dem Zwiegespräch von Tochter und Mutter, bekannt auch als „Graslied“, war in verschiedenen deutschen Landschaften verbreitet, so im Rheinland, in Baden, Hessen, Sachsen-Meiningen und Brandenburg und wurde bis ins 20. Jahrhundert mündlich überliefert. 1856 nahm es Ludwig Erk in seinen „Deutschen Liederhort“ auf, unter dem Titel „Wär ich ein Knab geboren“, mündlich aufgezeichnet in der Gegend um Frankfurt am Main und Darmstadt.

Interessant für das deutsche Volkslied-Revival der 1970er Jahre wurde das Lied wegen seiner Ablehnung des patriarchalischen Frauenbildes – Kinder, Küche, Kirche. Die 1971 in Heidelberg gegründete Band Elster Silberflug spielte es 1974 auf Schallplatte ein, 1976 taten es Tom Kannmacher & Jürgen Schöntges. Tom, einer der Mitbegründer der bundesdeutschen Folkszene, erinnert sich:

„Ich hatte das Lied 1972 von Elster Silberflug gelernt und dann mit Jürgen ins Programm genommen. Das Lied erschien uns inhaltlich als typischer Gegenentwurf zu dem spießigen Volksliedstoff in Schule und Radio. Und die Melodie hatte eine quasi keltische Molllinie, die vom Schlagerkitsch wegführte.“

Schallplatten aus der Bundesrepublik gab es in der DDR nicht zu kaufen, dennoch gelangten sie über verschiedene Wege meist zu den Interessenten. Ich habe das Lied über das "wacker Mädchen" zum ersten Mal von der 1975 gegründeten Erfurter Band Brummtopf gehört. Die Möglichkeit, eine LP einzuspielen, hatte die Gruppe damals nicht. Stattdessen nahm sie es als Nr. 1 in das Liederheft auf, das sie 1984 gemeinsam mit Saitensprung herausgab.

Es spricht für das Lied – und für die nachgewachsene Deutschfolk-Generation – dass es immer noch oder wieder gesungen wird. Seit 2005 zum Beispiel von Deitsch, dem Duo Gudrun Walther und Jürgen Treyz, aus Lenningen in Baden-Württemberg, ebenso wie von Rumpelstolz aus Rand-Berlin.


Lied-Empfehlung: „Frühlingszeit, machst uns das Herz so weit“ | 11.05.22

Frühlingszeit, machst uns das Herz so weit
In der DDR stand das Lied seit den 50er Jahren in den Schulliederbüchern, in Westdeutschland ist es dagegen weitgehend unbekannt. Angeblich kommt es aus Böhmen, doch Genaues weiß man nicht. Fest steht: Das tänzerisch beschwingte Lied über den Frühling und den Mai eignet sich hervorragend zum gemeinsamen Singen.
(Autor: Wolfgang Leyn)


Der Mai ist mit Abstand der meistbesungene Monat.

"Nun will der Lenz uns grüßen" stammt aus dem 13. Jahrhundert. Das Liebeslied "Wie schön blüht uns der Maien" entstand im 16. Jahrhundert, so wie "Der Winter ist vergangen, ich seh‘ des Maien Schein" und "Im Mayen, im Mayen hör ich die Hahnen krayen" von Ludwig Senfl. Mit ebendiesen Worten beginnt "Im Maien, im Maien die Vögelein singen". Hoffmann von Fallersleben zeichnete es um 1820 auf. 1791 hat Mozart die Verse "Komm, lieber Mai und mache die Bäume wieder grün" vertont. Wie eine Fortsetzung wirkt Emanuel Geibels Studentenlied von 1840 "Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus".

Von Maien und Buhlen

Besonders in den sehr alten Volksliedern ist manches Wort heute kaum noch verständlich. Im Lied "Der Winter ist vergangen" aus dem 16. Jahrhundert heißt es in der zweiten Strophe: "Ich geh, ein‘ Mai‘ zu hauen, hin durch das grüne Gras“. Wir alle haben sie wohl schon gesungen. Doch was bedeutet sie eigentlich? Gemeint ist hier nicht etwa der Monat Mai, sondern eine Maie. Das ist ein grüner Birkenzweig oder ein Birkenbäumchen. Und das stellte man einst der Angebeteten, also seiner „Buhlen“, vor die Tür: „Schenk meiner Buhl‘n die Treue, die mir die Liebste was“.

Eine Maie ist ein Birkenbäumchen (Foto: Wolfgang Leyn)
Bis heute lebendig sind zahlreiche Volksbräuche rund um den 1. Mai oder das Pfingstfest. So sehr sie sich von Landschaft zu Landschaft, von Ort zu Ort unterscheiden, Mailiedersingen und der Tanz um den Maibaum gehören so gut wie überall dazu. Beides habe ich beim Festival FOLKUS im Alten Kranwerk Naunhof erlebt. Einige der Lieder, die wir dort gesungen haben, sind am Ende dieser Seite zu finden. Doch meine besondere Empfehlung gilt diesmal dem Lied „Frühlingszeit“. Kennengelernt habe ich es mit einem vierstimmigen Chorsatz. Doch auch einstimmig klingt es für mein Gefühl sehr schön.





HÖRBEISPIELE

https://www.youtube.com/watch?v=zBwGolhvE_8
Joseph Münch, Haag (Oberbayern): instrumental (Akkordeon, 2012)

https://www.youtube.com/watch?v=ZwZdT4fAxpE
Gemischter Chor “Musica Vita” Querfurt

https://www.youtube.com/watch?v=qiXq24qwZM0
Studiochor Berlin, 2007



LIEDGESCHICHTE

Offensichtlich hat „Frühlingszeit“ eine rein ostdeutsche Überlieferungsgeschichte. Es stand hier seit den 50er Jahren in Schulliederbüchern und wird bis heute von Chören gern gesungen. In westdeutschen Liedsammlungen habe ich es dagegen vergeblich gesucht. Wer hat es geschrieben? „Text Franz Klein, Böhmische Volksweise“ steht als Quellenangabe in „Ringsum erwachen Lieder. Chorbuch für Oberschulen 9. – 12. Klasse“, erschienen 1956 im Verlag Volk und Wissen in Berlin/DDR.
Das offene Volksliedersingen gibt es seit 2015.


Welche Volksweise ist aber gemeint, wann wurde sie wo aufgezeichnet? Und wer war Franz Klein, der Autor des deutschen Textes? Vielleicht der österreichische Journalist und Schriftsteller Franz Robert Klein (1895-1964), welcher 1941 als Emigrant in Kanada unter dem Pseudonym Robert Ingrim 1941 das monarchistische Blatt "Voice of Austria" herausgab? Sollte der den Liedtext verfasst haben? Wenig wahrscheinlich. Eher wohl ist der Name Franz Klein ein Pseudonym. Doch wer versteckte sich dahinter und warum? Fragen über Fragen.

Die Ergebnisse meiner Recherchen im Internet, beim Deutschen Volksliedarchiv (respektive ZPKM) in Freiburg und bei einem tschechischen Musikjournalisten und Volksliedkenner kann ich kurz mit einem Goethe-Zitat zusammenfassen: „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“.

Womöglich ist das angeblich böhmische tatsächlich ein DDR-Volkslied? Wer seinerzeit im zweiten deutschen Staat aufgewachsen ist, kann es zumindest mitsummen. Beim allwöchentlichen Bürgersingen im Leipziger Johannapark gehört „Frühlingszeit“ ganz selbstverständlich zum Standardrepertoire.

Wer auch immer das Lied „Frühlingszeit“ gedichtet und komponiert hat – mit seiner tänzerisch beschwingten Melodie und seiner freudigen Botschaft gehört es zu meinen Lieblingsliedern über die schönste Jahreszeit. Deswegen empfehle ich es auch gern zum gemeinsamen Gesang. Erst recht nach der langen Corona-Zeit mit nur wenigen Singgelegenheiten.


Lied-Empfehlung April: Zogen einst fünf wilde Schwäne | 07.04.22

Zogen einst fünf wilde Schwäne
Angesichts von Russlands Überfall auf die Ukraine empfehlen wir gemeinsam mit der Gruppe Die Grenzgänger aus Bremen ein Friedenslied. Aufgezeichnet wurde das schlichte, schöne Volkslied am Anfang des 20. Jahrhunderts in Ostpreußen. Seit 1918 deutschlandweit bekannt, galt es lange als litauisch und hat Parallelen in einem russischen Volkslied und Pete Seegers „Where have all the flowers gone“.
(Autor: Wolfgang Leyn)


„Soll denn gar kein Frieden werden,
nimmt der Krieg denn noch kein End?
Unsre Länder sind verheeret,
Städt‘ und Dörfer abgebrannt,
Jammer überall und Not,
und dazu auch mehr kein Brot“.


Liedzeilen aus dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763. Man könnte meinen, sie wären über den Krieg heute in der Ukraine geschrieben. Tausende Menschen haben ihr Leben verloren. Millionen sind auf der Flucht. Je länger die Kämpfe dauern, desto mehr werden es sein. Sie stehen vor unseren Türen. Um sie geht es täglich in den Nachrichten.

Die Grenzgänger (von links): Frederic Drobnjak (Gitarren), Michael Zachcial (Gesang und Gitarre), Annette Rettich (Cello), Felix Kroll (Akkordeon).
Doch vergessen wir nicht: Die Ernteausfälle in der Ukraine und in Russland verschärfen den Hunger im Nahen Osten und in Nordafrika. Und die Kriege in Äthiopien, in Syrien, in Jemen oder in Mali sind nicht weniger grausam als jener im Osten Europas. Verlierer sind fast alle Menschen auf dieser Erde. Gewinner sind allein die „Meister des Krieges“, wie sie Bob Dylan 1963 in seinem zornigen Lied nannte. Hans-Eckardt Wenzel hat es 2013 nachgedichtet. Die „Meister des Krieges“ sitzen in Regierungen und Generalstäben, in den Aufsichtsräten und Aktionärsversammlungen der Waffenfabriken. Der Tod ist ihr Geschäft. Gerade haben NATO und EU das größte Aufrüstungsprogramm seit 1945 beschlossen. Zugleich musste das UNO-Welternährungsprogramm aus Geldmangel die Essens-Rationen für acht Millionen Jemeniten um die Hälfte zu kürzen.

Was können wir tun? Solidarisch sein mit den leidenden Menschen und uns einsetzen für ein Ende des Krieges, der Kriege – auch musikalisch. Mit dem Lied „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ eröffneten Die Grenzgänger aus Bremen vor wenigen Tagen ein Benefizkonzert für die Menschen in der Ukraine. Michael Zachcial schreibt dazu:

„Das ist eines der schönsten deutschen Volkslieder, das ich kenne, und es enthält eine ganz klare Botschaft: Der Krieg tötet alles. Die Birken können nicht grünen, die Menschen nicht lieben, die jungen Männer werden alle sterben. Haltet diese Erinnerung wach! Für die nächste Generation, singt, was geschah, damit es nie wieder geschieht.“



LIEDGESCHICHTE

Wer das deutsch-deutsche Folkrevival der 70er Jahre miterlebte, hat sicher noch die Live-Aufnahme mit Hannes Wader im Ohr. „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ wurde auch von Zupfgeigenhansel gesungen. Lange Zeit galt es als litauisches Lied. Der ostpreußische Volkskundler Karl Plenzat veröffentlichte es 1918 in seinem Buch „Der Liederschrein“ und machte es dadurch überregional bekannt. Sein Vater habe das Lied ins Deutsche übersetzt, teilte er mit. Doch heute weiß man, dass der deutsche Text schon 1908 durch den Lehrer Johann Patock in der Nähe von Danzig aufgezeichnet wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Lied an der Küste zwischen Pommern und Ostpreußen gesungen. Die Herkunft der Melodie ist unbekannt.

Hannes Wader 1982 beim Festival des politischen Liedes (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)
Die Natursymbolik im Lied und das Trauma vieler Kriegsheimkehrer nach 1918 begünstigten die Verbreitung in den 20er Jahren. „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ fand damals Eingang in die Liederbücher der bündischen Jugend, der Pfadfinder und Turner. Auch in den Anfangsjahren der Nazizeit wurde es noch gesungen, später wurde es still um das Lied. Nach dem zweiten, noch verheerenderen Weltkrieg wurde es wieder häufiger angestimmt, in beiden deutschen Staaten, von Schulkindern, Jugendgruppen und Chören, ebenso von Menschen, die ihre Heimat in Ostpreußen verloren hatten. In den 80er Jahren erklang es auf Demonstrationen und Kundgebungen der Friedensbewegung gegen die atomare NATO-Nachrüstung.


Sag mir, wo die Blumen sind

1955 schrieb Pete Seeger sein Antikriegslied „Where Have All the Flowers Gone“. 1962, mitten im Kalten Krieg, sang es Marlene Dietrich erstmals auf Deutsch. „Sag mir, wo die Blumen sind“, eine Nachdichtung von Max Colpet. Die inhaltliche und formale Nähe zum Lied von den wilden Schwänen ist offensichtlich. Doch die Anregung zu seinem Lied fand Pete Seeger nach eigener Aussage woanders, in einem Volkslied russischer Kosaken, das Michail Scholochow 1934 in seinem Roman „Der Stille Don“ zitierte:

А где ж гуси?
В камыш ушли.
А где ж камыш?
Девки выжали.
А где ж девки?
Девки замуж ушли.
А где ж казаки?
На войну пошли
Und wo sind die Gänse?
Sie liefen ins Schilf.
Und wo ist das Schilf hin?
Von Mädchen gemäht.
Und wo sind die Mädchen?
Verheiratet längst!
Und wo die Kosaken?
Sind fort in den Krieg!




HÖRBEISPIELE

https://www.youtube.com/watch?v=-J5juA0J9e0
Hannes Wader (LP „Volkssänger“, 1975)

https://www.youtube.com/watch?v=ap2Xpr-eh18
Zupfgeigenhansel (LP „Kein schöner Land“, 1983)

https://www.youtube.com/watch?v=_1dXXdPJ1ms
Grenzgänger Bremen (CD „Maikäfer flieg“, 2017)

https://www.youtube.com/watch?v=3ZWgLwUe17Q
Trio Rosenrot (CD “Es fiel ein Reif”, 2017)

https://www.youtube.com/watch?v=V_dr6lBkxew
Folklang (Aufnahme mit 100 Musikern aus 26 Ländern, Tübingen, Juni 2018)

https://www.youtube.com/watch?v=tL7pGPL2z2U
Uli Bögershausen (instrumental, CD „Deutsche Volkslieder für Fingerstyle Guitar“)



Lied-Empfehlung März: So treiben wir den Winter aus | 10.03.22

So treiben wir den Winter aus
Keine andere Jahreszeit wird so freudig begrüßt wie das Frühjahr. Mit Liedern und Bräuchen. Heute empfehlen wir ein Lied aus dem 16. Jahrhundert, das verbunden ist mit dem Brauch des Winteraustreibens oder Todaustragens. Dabei wird der Winter, gleichbedeutend mit dem Tod, am Ende eines zeremoniellen Umzuges verbrannt oder im Fluss ertränkt.
(Autor: Wolfgang Leyn)


Das Duo Erledanz aus Ansbach in Franken hat das Lied "So treiben wir den Winter aus" seit langem im Programm. Henrike und Klaus Eckhardt nahmen es auch in ihr Liederbuch " Hör an mein Stimm. Wiederentdeckte Volkslieder" auf. Die beiden schrieben mir dazu:

„Es ist eines unserer kraftvolleren Stücke, denn der Winter wird hier nicht freundlich zum Gehen aufgefordert, um dem Frühling Platz zu machen, sondern aus der Stadt gejagt, wie es in alten Zeiten und mancherorts auch heute noch am 4. Sonntag der Fastenzeit (Laetare) bzw. am sogenannten Mitterfasten Brauch war. In Nürnberg zum Beispiel, unweit unseres Wohnortes, wird jährlich zu diesem Zeitpunkt dieses Spektakel dargeboten. […] Der arme Winter wird nicht nur verjagt, sondern zu Tode gehetzt. Doch nach unserer Erfahrung wird er wiederkommen. Wenn auch in Zeiten des Klimawandels nicht mehr ganz so zuverlässig wie im 16. Jahrhundert, als dieses Lied ersonnen wurde.“
Erledanz - Henrike und Klaus Eckardt




LIEDGESCHICHTE

Früher empfanden die Menschen das Frühjahr als Kampf zwischen Sommer und Winter. Sie konnten das Ende von Kälte und langer Dunkelheit, oft auch verbunden mit Hunger und Not, kaum erwarten. Das erklärt die große Verbreitung des Winteraustreibens in verschiedenen Regionen Deutschlands und bei unseren slawischen Nachbarn.

Noch im 19. Jahrhundert wurde der Frühlingsbeginn in der Mitte der Fastenzeit gefeiert, am Sonntag Laetare („Freue dich“ – auf die Auferstehung Jesu Christi). Namen und Zeremoniell unterscheiden sich von Ort zu Ort: Winteraustrieb, Sommertagszug, Todaustragen, Stabaus-Fest, Sommergewinn. In Eisenach oder Heidelberg steht der Wettstreit zwischen Sommer und Winter im Mittelpunkt, an anderen Orten das Zerstören, Ertränken oder Verbrennen der Strohpuppe, die den Winter darstellt, am Ende des festlichen Umzuges. Fast überall aber erklingt dabei das Lied „So treiben wir den Winter aus“.

Todaustragen in Mähren, (Zeichnung: W. Grögler, aus: Die Gartenlaube, 1887)
Entstanden ist der Brauch des Winteraustreibens wohl aus vorchristlichen Frühlings- und Fruchtbarkeitsfesten. Durch die Pestepidemie um die Mitte des 14. Jahrhunderts, den „Schwarzen Tod“, erhielt das Todaustragen dann eine zusätzliche Bedeutung. Während der Reformationszeit wurde die offenbar weitverbreitete Melodie des Liedes „So treiben wir den Winter aus“ für geistliche Umdichtungen benutzt:

„Nun treiben wir den Papst hinaus
aus Christus Kirch und Gotteshaus!
Darin er mördlich hat regiert
und unzählig viel Seel'n verführt…“
(Flugblatt, Wittenberg 1541)

Das reformatorische Kampflied wurde in mehrere evangelische Gesangbücher aufgenommen. Eine Spur davon findet sich noch in der jahreszeitlichen Fassung, wie sie auch Erledanz singt. Hier endet die 1. Strophe so: „…mit sein'm Betrug und Listen, den rechten Antichristen“. Ganz sicher hat die geistliche Umdichtung des Liedes dazu beigetragen, dass seine schöne Melodie erhalten geblieben ist.

Aktuelle Umdichtungen – „So treiben wir Corona aus…“ – entstanden unabhängig voneinander an mehreren Orten, so an der Montessori-Schule Vilshofen im Bayerischen Wald oder in Leipzig bei der „Gartenzaunmusik“, veranstaltet von Mitgliedern des MDR-Sinfonieorchesters. In Zwickau aktualisierte Matthias Weber das Lied im März 2020.





HÖRBEISPIELE

http://deutschfolk.de/audio-dateien/Erledanz_Winteraustrieb.mp3
Erledanz, Ansbach/Franken

https://www.youtube.com/watch?v=Vy3033tKnl4
Bergfolk, Wernigerode/Harz, Sachsen-Anhalt

https://www.youtube.com/watch?v=uez-iYS8Zjk
Spectaculatius, Mechernich/Nordrhein-Westfalen

https://www.youtube.com/watch?v=dcdcqOG_c8Y
Boğaziçi Kadınlar Korosu (Frauenchor der Bosporus-Uni Istanbul)

https://www.youtube.com/watch?v=dksrHBToupo
The Mediaeval Baebes, Großbritannien, instrumental (Dulcimer, Flöten)

https://www.youtube.com/watch?v=XU8p0S_L_Sg
Franz Vitzthum, Countertenor, Julian Behr, Laute, Basel, Schweiz: Nun treiben wir den Babst hinaus

https://www.youtube.com/watch?v=-SwqWKFFmjA
LENINs WHEELCHAIR, rockige Instrumentalfassung, Wies/Steiermark, Österreich



Lied-Empfehlung: "Der Mond ist aufgegangen“ (Wolfgang Leyn / Max Heckel)

Der Mond ist aufgegangen
Das Abendlied von Matthias Claudius, verfasst im Jahr 1799 nach dem Vorbild von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“, ist das meistgedruckte deutsche Gedicht. Es wurde vielfach vertont und mindestens genausooft parodiert. Mit der Melodie von Johann Abraham Peter Schulz wurde es zum Kirchenlied und zum Gute-Nacht-Lied für Kinder.
Im deutsch-deutschen Folk-Revival der 70er Jahre spielte es kaum eine Rolle. Zu bekannt, zu fromm. Es eignete sich weder zur musikalischen Begleitung sozialer Bewegungen in der alten Bundesrepublik, noch ließen sich damit engstirnige Funktionäre in der DDR provozieren. (Autor: Wolfgang Leyn)



Max Heckel von der Band Nobody knows aus Tangermünde bezeichnet es als sein Lieblingslied. Ihn erinnert es an das gemeinsame Singen mit den Eltern. Als kleiner Junge versteckte er sich bei traurigen Liedern unter dem Tisch, damit niemand sehen sollte, dass er weinte. Der zweistimmige Gesang seiner Eltern „hatte etwas Wundervolles“, schreibt er.

Max Heckel (Foto: Susann Schröder)
„‘Der Mond ist aufgegangen‘ ist mir dabei besonders in Erinnerung. […] Die sehnsüchtelnd eingängige Melodie ruft noch heute kindliche Erinnerungen in mir hervor. Und der Text? Der ist ziemlich stark. Bis auf den abschließenden Reim. Der grenzt an Dilettantismus. Aber das ist schwer in Ordnung. Sonst hätte ich mich auch bei diesem Lied unter dem Tisch verstecken müssen“.



LIEDGESCHICHTE

Der holsteinische Dichter und Journalist Matthias Claudius (1740-1815) schrieb sein Abendlied nach der Vorlage von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ aus dem Jahr 1647, übernahm dabei Strophenform und Reimschema, dazu „die goldnen Sternlein“ als wörtliches Zitat. 1779 wurde das Gedicht in Hamburg erstmals gedruckt, Herder veröffentlichte im selben Jahr eine gekürzte Fassung in der Sammlung „Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken“.

Seitdem fehlt es in kaum einer deutschsprachigen Gedichtanthologie, wurde häufiger gedruckt als die Lyrik von Goethe, Schiller oder Heine. Mehr als 70mal wurde das Abendlied vertont, u. a. von Michael Haydn, Johann Friedrich Reichardt, Franz Schubert und Carl Orff. Durchgesetzt hat sich die Melodie von Johann Abraham Peter Schulz, 1790 erstmals gedruckt in der Sammlung „Lieder im Volkston, bey dem Claviere zu singen“.

Heute gehört „Der Mond ist aufgegangen“ zu den bekanntesten deutschen Liedern, fand im 19. Jahrhundert Eingang ins evangelische Kirchengesangbuch, 2013 auch in dessen katholisches Pendant. Die erste, zweite, dritte und letzte Strophe werden auch als Gute-Nacht-Lied gesungen. So steht das Lied auch im „Zupfgeigenhansl“, dem Liederbuch der Jugendbewegung. Die Deutschfolk-Szene hat es dagegen erst in den letzten Jahren für sich entdeckt. In deren Liederbüchern aus den 70ern fehlt es.

Weniger bekannt ist, dass das Abendlied schon 1838 ins Dänische übersetzt wurde. „Sig månen langsomt hæver, den gyldne stjerne svæver …“ steht in Gesangbüchern der Kirche wie der Heimvolkshochschule, es gibt eine Rock-Version mit der Band Nephew aus Aarhus.

Illustration von Ludwig Richter (1856), aus: „Vater Unser in Bildern“ (Quelle: Wikipedia)
Der deutsche Rockpoet Herbert Grönemeyer beendet mit „Der Mond ist aufgegangen“ gern seine Konzerte. 2015 erklang das Lied in der Trauerfeier für Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Im März 2020, zu Beginn des ersten Lockdowns, rief die Evangelische Kirche in Deutschland zum „Balkonsingen“ nach italienischem Vorbild auf. Jeden Abend um 19 Uhr möge das Abendlied von Matthias Claudius angestimmt werden.


Geliebt und parodiert
Die Popularität eines Gedichts oder Liedes lässt sich daran erkennen, wie oft es parodiert wird. Der Hamburger Dichter Peter Rühmkorf (1929-2008) tat es 1962 folgendermaßen:

„Der Mond ist aufgegangen.
Ich, zwischen Hoff- und Hangen,
rühr an den Himmel nicht.
Was Jagen oder Yoga?
Ich zieh die Tintentoga
des Abends vor mein Angesicht."

Der Kölner Dieter Höss (1935-2020) dichtete nach der Mondlandung von 1969 ein „Lied des Astronauten“ mit dieser ersten Strophe:

„Der Mond ist eingefangen,
von Sonden schon begangen,
von Fotos wohlvertraut.
Das All steht schwarz und schweiget,
doch aus Raketen steiget
schon hie und da ein Astronaut.“

Ein umweltbewegtes Abendlied verfasste 1973 der hessische Autor Karlhans Frank (1937-2007). Es beginnt so:

„Der mond ist aufgegangen,
die goldnen sternlein prangen,
mein freund, du siehst es nicht,
weil aus profitfabriken
die menschen nebel schicken,
gefährlich, giftig, stinkend, dicht.“

Der Ostberliner Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel schrieb eine bitter-schwarze Textfassung für die „Hammer-Rehwü“, mit der das Liedtheater Karls Enkel, die Folkband Wacholder und das Liedermacher-Duo Dieter Beckert und Karl-Heinz Schulz 1982/83 durch die DDR tourten. Hintergrund war die Beunruhigung durch die atomare Hochrüstung von NATO und Warschauer Vertrag.

„Die Sonn wird aufgehangen
an langen Zauberstangen
am Himmel, ist doch klar.
Die Welt steht da und schweiget.
Und auf der Haut, da zeiget
Sich gelber Ausschlag wunderbar.“

Der Humorist Axel Hacke verdankt Claudius‘ Abendlied den Titel seines 2004 erschienenen Bestsellers „Der weiße Neger Wumbaba“. Er zitiert das kindliche Missverständnis der Verse „…und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar.“ 2010 benutzte der Kabarettist Dieter Hildebrandt das Gedicht für eine Persiflage des Redestils von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl.





HÖRBEISPIELE

https://www.youtube.com/watch?v=lEs9c47-oB8
Nobody knows (2018)

https://www.youtube.com/watch?v=sFTzBc6CA7Q
als Kinderlied (Website „Sing Kinderlieder“)

https://www.youtube.com/watch?v=h32nSMBeXQ4
Fritz Wunderlich (1930-1966)

https://www.youtube.com/watch?v=oiQMyQSMUJg
Zur Trauerfeier für Helmut Schmidt (2015)

https://www.youtube.com/watch?v=Q9R_AUBn0VA
Hannes Wader (2015)

https://www.youtube.com/watch?v=9cXdSZX7wos
Herbert Grönemeyer (2013)

https://www.youtube.com/watch?v=JfjfDRNswJ4
Jazzchor Freiburg (2018)

https://www.youtube.com/watch?v=6anb_OhX2rk
Deutscher Evangelischer Posaunentag Dresden (2016)

https://www.youtube.com/watch?v=xi46dhyY48Y
Nena (2019)

https://www.youtube.com/watch?v=SnS1EC0dNDI
Achim Reichel (2006) – LP „Volxlieder“

https://www.youtube.com/watch?v=W2nSwvrMmu8
Punk-Version, Himmelskinder Berlin (2021)



Dänisch:
https://www.youtube.com/watch?v=ALfmSNKZyJs
Sig månen langsomt hæver, Phillip Faber & Pernille Rosendahl (dänisch)

https://www.youtube.com/watch?v=m28UKGYQlfs
dänische Rock-Fassung Nephew - Aarhus - 18 - Sig Månen Langsomt Hæver (2021)



Humor und Satire:
https://www.youtube.com/watch?v=Z8K_ysnXT3c
Schnaftl Ufftschick (2020)

https://www.youtube.com/watch?v=XNNF7lWhNvw
Hammer Rehwü Abendlied (1982)

https://www.youtube.com/watch?v=dnqKwGetjz4
Dieter Hildebrandt, Rezitation als Helmut-Kohl-Parodie (2010)



Instrumental:
https://www.youtube.com/watch?v=iXgiGeeyiqM
Matthias Höfs, Trompete und Orgel (2022)

https://www.youtube.com/watch?v=KILnuJ0vXAw
Ulrich Bögershausen, Gitarre (2011)

https://www.youtube.com/watch?v=8xH-FMoKkgk
Quadro nuevo, instrumental (2019)

https://www.youtube.com/watch?v=BHfwKkkpH2I
Spieluhr



Liedempfehlung im Januar (Wolfgang Leyn / Heidi Ruppel):

Es saß ein klein wild Vögelein

Es saß ein klein wild Vögelein
Die Wurzeln dieses siebenbürgischen Volksliedes reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert. Die Jugendbewegung machte es um 1900 populär. In den 1970ern erlebte es sein Comeback in beiden deutschen Folkszenen. Als Appell zur Aufrichtigkeit und gegen das Sich-Verbiegen-Lassen ist es zeitlos gültig. Und nach wie vor beliebt. So wird es auf der CD "Von der Quelle bis zur See" von Bube Dame König (Halle) zu hören sein, die 2022 erscheinen soll. Es gibt auch rockige Versionen des Liedes. Und man kann es sogar tanzen (siehe unten).

In der Bundesrepublik nahmen Hein & Oss aus Pirmasens das Lied vom kleinen wilden Vöglein 1977 in ihre Sammlung "Das sind unsere Lieder" auf. Ein Jahr zuvor hatte es Fiedel Michel aus Münster für den Live-Sampler "Volkslied '76" eingespielt, Elster Silberflug aus Heidelberg brachten es schon 1974 auf Platte. 1978 fand es Eingang in das weitverbreitete Liederbuch des Duos Zupfgeigenhansel aus Esslingen. In der DDR-Folkszene sangen es zum Beispiel die Ostberliner Band Skye und die Erfurter Gruppe Brummtopf. Ekkehard Schleußner von der Ostberliner Band Asthma lernte die siebenbürgische Mundartfassung Anfang der 1980er Jahre während eines Rumänien-Urlaubs kennen (und kann sie noch heute auswendig).


Heidi Ruppel
Heidi Ruppel gehörte 1975 zu den Gründungsmitgliedern von Brummtopf, später wechselte sie zu Saitensprung und spielte bis zu ihrem Umzug in ein brandenburgisches Dorf 2006 bei Saitensprungs Tanzband. Heute musiziert sie in einem Damenquartett. In den 70ern dominierte auch in der DDR-Szene Irish Folk. Heidi erinnert sich:

"Das kleine Wildvögelein war eines der ersten deutschen Volkslieder, welches wir in der Anfangszeit der Gruppe Brummtopf zu Gehör gebracht haben. In DDR-Zeiten sprach uns der Text aus dem Herzen. Es war ein Aufruf gegen das Sich-Verbiegen-Lassen und für Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. In diesem Sinne hat es seine Aktualität über die Zeiten hinweg seit seiner Entstehung nie verloren."



TEXT

Es saß ein klein wild Vögelein
auf einem grünen Ästchen.
Es sang die ganze Winternacht,
die Stimm' tät laut erklingen.

O sing mir doch, o sing mir doch,
du kleines wildes Vöglein!
Ich will um deine Federchen
dir Gold und Seide winden.

Behalt dein Gold und dein' Seid,
ich will dir nimmer singen.
Ich bin ein klein wild Vögelein,
und niemand kann mich zwingen.

Komm du herauf aus diesem Tal,
der Reif wird dich auch drücken.
Drückt mich der Reif, der Reif so kalt,
Frau Sonn wird mich erquicken.




LIEDGESCHICHTE

1865 veröffentlichte der siebenbürgische Lehrer Friedrich Wilhelm Schuster das Lied "Et sâs e klî wält fijeltchen" aus mündlicher Überlieferung in Mühlbach (heute: Sebes, Rumänien). Es handelt sich um eine verkürzte Variante der seit dem frühen 16. Jahrhundert nachweisbaren Ballade "Nachtigall als Warnerin". 1893 übertrug Franz Magnus Böhme den mundartlichen Text ins Hochdeutsche. So erschien das Lied dann in dem gemeinsam mit Ludwig Erk herausgegebenen "Deutschen Liederhort". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es durch die Jugendbewegung popularisiert und in zahlreichen Gebrauchsliederbüchern abgedruckt, so 1913 in Hans Breuers „Zupfgeigenhansl". Seit den 50er-Jahren stand es in Schulliederbüchern beider deutscher Staaten, ehe es vom Folkrevival der 1970er aufgegriffen wurde.

Liedermacher haben später neue Texte auf die überlieferte Melodie verfasst wie 1979 in der Bundesrepublik Jürgen von den Kölner Straßenmusikern oder 1980 Reinhold Andert in Berlin/DDR.

(Text: Wolfgang Leyn für www.ostfolk.de)



KLANGBEISPIELE

https://www.youtube.com/watch?v=c7oz9BK9iNQ
De Lidertrun aus Hermannstadt (Sibiu) singt in siebenbürgisch-sächsischer Mundart

https://www.youtube.com/watch?v=8g40T12NuT8
Elster Silberflug (Heidelberg), 1974

https://www.youtube.com/watch?v=f4o8P5l868I
Tworna (Quohren bei Dresden)

https://www.youtube.com/watch?v=2zT8TatboYk
Herzgespann (Karlstein am Main/Franken)

https://www.youtube.com/watch?v=x5mBI1AABvk
Bobo und Herzfeld

https://www.youtube.com/watch?v=LRkASzpaxSg
Hava & Eva-Maria Kagermann und Simone Reifegerste

https://www.youtube.com/watch?v=2xRx5DojwFM
ZebraSommerwind (mit Ex-Fiedel Michel Thomas Kagermann)

https://www.youtube.com/watch?v=hhgMlmxsllA
Bernhard Mikuskovics, Okarina; Georg Baum, Harfe (Wien)

https://www.youtube.com/watch?v=udhrtziN6FA
Silvio Mechow, Gitarrist der Rockband Electromuff in Osterburg/Altmark

https://www.youtube.com/watch?v=TErBrpFTR3Y
Anke Bolz (Potsdam/Brandenburg)

https://www.youtube.com/watch?v=Y-ZohlMbW24
Ensemble Sumerluft (Haiming/Bayern)

https://grendelssyster.bandcamp.com/track/wildv-gelein
Metal-Folk mit Grendel's Sÿster (Stuttgart/Baden-Württemberg)

http://folkstanz.in-berlin.de/taenze/sammlung/paar.shtml
Anleitung zum Mazurka-Tanzen nach "Es saß ein klein wild Vögelein"

https://www.youtube.com/watch?v=qQRi8L-D08g
"Es saß ein klein wild Vögelein" – Soussan Soulflow macht daraus ein eigenes Lied